Wirf Deine ec-Karte in den Schredder!

22.12.2023 Blog, Wissen & Mythos

Die „ec-Karte“ heißt schon seit dem Jahr 2007 „girocard“ – GIROCARD, GIROCARD, GIROCARD!! Man kann es nicht oft genug wiederholen. Denn obwohl seit der Umbe­nennung schon schlappe 16 Jahre vergangen sind, höre, sehe und lese ich im Fern­sehen, in der Zeitung oder im Alltag immer wieder den alten Namen „ec-Karte“. Warum ist das so? Warum verwenden die Menschen so hartnäckig einen Marken­namen, der schon vor fast zwei Dezennien „eingemottet“ wurde? Der Versuch einer Erklärung.

Beispiel 1

Vor einigen Wochen in der ZDF-Show „Lass dich überwachen!“ mit Jan Böhmermann. Kandidatin Dilara, 1-er Abiturientin des 2022er-Jahrgangs mit unglaublichen 899 von 900 möglichen Punkten, soll ihre Intelligenz in einem „Dumm-Abitur“ unter Beweis stellen. Nach zwei mit Bravour gelösten Aufgaben lautet die dritte Prüfung für die 18-Jährige aus Herne: „Wirf Deine ec-Karte in den Schredder!“ 

Autsch!! Da ist es wieder – und auch noch zur Prime Time übern Sender! Und dann nochmal und nochmal: „Hier, das ist Deine ec-Karte! Schau mal, ist das Deine ec-Karte?“ fragt Moderator Böhmermann. Dilara kleinlaut: „Ja, ist sie!“ Doch bevor sie das Plastikkärtchen im Schredder schnetzeln kann, hält Böhmermann die Karte nochmal mehrere Sekunden in die Kamera: „Es ist wirklich Herner Sparkasse! Es ist tatsächlich Dilaras echte ec-Karte!“ 

Na prima: ec-Karte zum Vierten, und auch noch mit der roten Sparkassen-Card prominent im Bild!! 

 

Link: Lass dich überwachen! - ZDFmediathek  (ab Minute 1:02:50)

Blog: EC-Karte im Schredder
Blog: EC-Karte im Schredder

Dilara jedenfalls greift beherzt zu und lässt ihre GIROCARD – GIROCARD - GIROCARD in Streifen schneiden.

  • By the way, liebe Sparkasse Herne: Jetzt kennt ihr den wahren Grund für die Kartennachforderung eurer Kundin Dilara.

Beispiel 2

Letztens im ICE von Frankfurt nach Stuttgart. Im Bordrestaurant am Neben­tisch studieren zwei ältere Damen die Speisekarte. Holt die eine ihre GIROCARD aus dem Portemonnaie: „Hier kannst Du auch mit Deiner ec-Karte bezahlen!“ – „Ja, auch mit meiner ec-Karte??“ -„Jaja, die nehmen hier auch die ec-Karte“ – Nicht schon wie­der, denke ich. 

Auch in Zeitungs- und Magazin-Artikeln wird immer wieder der alte Begriff „ec-Karte verwendet. Und wenn der korrekte Markenname „girocard genannt wird, dann oft mit dem Klammerzusatz („die frühere ec-Karte“, „besser unter ihrem alten Namen ec-Karte bekannt“ etc.)

Warum ist das so? Was könnten die Gründe sein, dass sich der alte Markenname so hartnäckig in den Köpfen der Verbraucher:innen hält? Und sie sich so schwertun, sich an den Begriff „girocard“ zu gewöhnen?

ec-Karte als Synonym für den Bargeldlos-„Kulturschock“

Grund 1:

Der Begriff “ec-Karte“ ist quasi das Synonym für den Kulturwandel beim Bezahlen in Deutschland Ende der 60er Jahre. Die Deutschen lieben bis heute ihr Bar­geld heiß und innig; das Motto „Nur Bares ist Wahres“ wurde in Deutschland erfunden. D-Mark-Scheine und Pfennig-Münzen waren nach dem Krieg DAS Symbol für das „Wirtschaftswunder“ und eine „harte“, verlässliche Währung. Der neue Wohnzimmer­schrank, die Waschmaschine, das neue Auto – bezahlt wurde bar, basta! 

Doch dann führten Banken und Sparkassen 1968 das „eurocheque“-System ein, den Grundstein für das elektronische Bezahlen, wie wir es heute kennen. Fortan konnte man in Geschäften auch bargeldlos mit Schecks bezahlen. Das Kürzel „ec“ steht ur­sprünglich für „eurocheque“ und die „ec-Karte“ war zunächst nichts anderes als eine Garantiekarte, mit der man Scheckzahlungen im Handel authentifizieren konnte. Die erste Zahlung direkt mit der Karte im Handel gab es im Jahr 1990. Und da passte es natürlich gut, dass man das Kürzel „ec“ auch für die neue Zahlungsart „electronic cash“ verwenden konnte.

 

Bitte wie? Bezahlen, ohne die hart verdienten Geldscheine und Münzen über die Ladentheke zu reichen? Das war vor allem in der Anfangsphase für viele Verbrau­cher:innen ein richtiger „Kulturschock“.

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Es dauerte auch fast 15 Jahre, bis sich bar­geldloses Bezahlen im deutschen Handel etablieren konnte. Kein Wunder, dass sich in der Bargeldzahler-Nation Deutschland seitdem für das Zahlen ohne Münzen und Scheine der Begriff „ec-Karte“ eingeprägt hat.

Da hatte es die knapp 40 Jahre später eingeführte neue Marke „girocard“ naturgemäß schwer. Sie steht seit 2007 für den übergeordneten Rahmen der deutschen Kreditwirt­schaft für ihre zwei bewährten Debitkarten-Zahlungssysteme: das girocard Verfahren (ehemals „electronic cash“) als Debitkarten-Zahlverfahren und das „Deutsches Geld­automaten-System“.

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Noch im Jahr 2015 zeigte die GfK-Studie „Bekanntheit girocard in Deutschland im Auftrag der EURO Kartensysteme: Mehr als die Hälfte der Befrag­ten (55 Prozent) wussten nicht, dass „girocard“ und „ec-Karte“ dasselbe Zahlverfahren bezeichnen. 80 Prozent der Befragten hatten von der Namensänderung gar nichts mitbekommen.

Raider heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix

Grund 2:

Markennamen aus der Kindheit prägen sich besonders gut ein. Das haben englische Forscher:innen im Jahr 2009 herausgefunden. Marken, mit denen Kinder früh in Berührung kommen (wie z.B. Rotbäckchen, Brandt Zwieback, Tempo-Taschentücher, Sparkasse, Knax-Heft), werden ein Leben lang gut erinnert und auch schneller erkannt als neuere bekannte Marken – selbst wenn es die „alten“ Marken schon nicht mehr zu kaufen gibt. 

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Die Forscher:innen aus Großbritannien zeigten den Studienteilnehmer:innen im Alter zwischen 50 und 83 Jahren eine Auswahl existierender und erfundener Markennamen. Die Probanden sollten angeben, ob es das vorgelegte Produkt wirklich gibt. Die Teilnehmer:innen erkannten die Marken am schnellsten, die von Geburt an in ihrem Leben vorkamen. Die These der Forscher: Das heranwachsende Gehirn prägt sich - wie beim Erwerb der Muttersprache – diese Markennamen besser ein und kann alles, was damit zusammenhängt, effektiver im Langzeitgedächtnis verarbeiten.

Ich finde diese Studienergebnisse auch für die „ec-Karte“ plausibel: Der „eurocheque“ und das Kürzel „ec“ wurden 1968 eingeführt. Also sind „Pi mal Daumen“ alle Bundes­bürger:innen, die 1963 ff. geboren wurden, von Kindesbeinen an mit diesem  Begriff groß geworden –das sind alle bis zum Alter von etwa 60 Jahren! Quasi die gesamte Babyboomer-Generation sowie die Angehörigen von „Gen X“ und „Gen Y“ haben mit der Nase knapp über der Ladentheke Papi dabei zugeschaut, wie er den eurocheque ausgefüllt oder mit der ec-Karte an der Supermarkt-Kasse bezahlt hat. Das prägt sich natürlich ein und wird in den Köpfen als „Bargeldlos zahlen = ec-Karte“ hart verdrah­tet. 

Wenn wir den Ergebnissen der englischen Wissenschaftler:innen folgen, heißt das für uns Payment-Nerds aber auch: Keine Panik, die Zeit arbeitet eindeutig für den Markennamen „girocard“! Die Vertreter:innen der „Gen Z“ – also der Generation, die in den kommenden Jahren maßgeblich bestimmen wird, wie wir in Deutschland zahlen – sind mehrheitlich schon mit dem Markennamen „girocard“ aufgewachsen – und werden den auch ganz selbstverständlich im Alltag verwenden. In naher Zukunft werden wir also immer häufiger ein lässiges „ich zahl mit girocard!“ an der Kasse hören.

Ec-Karte adé: Girocard, wir kommen!

Alle, die sich mit dem Thema auskennen, sind natürlich herzlich aufgerufen, in Alltagssituationen höflich korrigierend einzugreifen, wenn jemand mit der „ec-Karte“ bezahlen möchte. Ich werde das auch beherzigen: Wenn das nächste Mal im ICE jemand im Bordbistro von der „ec-Karte“ spricht, werde ich mich hinüberbeugen und freundlich sagen: „Entschuldigen Sie bitte, das heißt schon lange GIROCARD!


Autor

Blog: EC-Karte im Schredder

Stephan Arounopoulos
Presse & Öffentlichkeitsarbeit

 

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☎  0711 782-99230

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